Fluxer: Open-Source-Chat-App als datenschutzfreundliche Alternative zu Discord

Fluxer-Logo

Fluxer ist eine quelloffene Chat- und VoIP-Plattform, die sich bewusst als Gegenentwurf zu Discord positioniert. Discord steht seit Anfang 2026 wegen seiner Altersverifikation, umstrittener Nutzungsbedingungen und einer Datenpanne in der Kritik (war allerdings auch vorher bereits mit fragwürdigen Änderungen der Nutzungsbedingungen aufgefallen), während gleichzeitig die Frage nach digitaler Souveränität bei Kommunikationsdiensten insgesamt an Gewicht gewinnt.

Hintergrund und Technik von Fluxer

Fluxer wurde vom schwedischen Informatikstudenten Hampus Kraft entwickelt, der laut eigenen Angaben seit rund fünf Jahren an dem Projekt arbeitet. Die Software ist unter der AGPLv3-Lizenz vollständig quelloffen, kann selbst gehostet werden und funktioniert nach dem aus Discord bekannten Muster aus Servern, Text- und Sprachkanälen sowie Rollen und Berechtigungen. Technisch setzt Fluxer auf TypeScript und Node.js im Backend, Erlang/OTP für das Echtzeit-Gateway sowie React und Electron für die Clients [1][2].

Fluxer trat im Oktober 2025 in die öffentliche Beta-Phase und zählt nach Angaben des Projekts inzwischen mehr als 125.000 aktive Nutzer [2]. Neben der Möglichkeit zum Eigenbetrieb bietet ein unabhängiges europäisches Unternehmen eine gehostete Instanz an, die die Weiterentwicklung der Open-Source-Software mitfinanziert [1]. Ende-zu-Ende-Verschlüsselung und Föderation zwischen Fluxer-Instanzen sind laut Roadmap für die Zukunft geplant, aktuell aber noch nicht umgesetzt [1]. Seit dem 15. Juni 2026 gibt es native mobile Apps auf Basis von Flutter: Die Android-Version steht als APK über das offene GitHub-Repository zum Download bereit, die iOS-Version läuft bislang nur als eingeschränkte TestFlight-Beta für zahlende Plutonium-Abonnenten. Beide Apps befinden sich nach Angaben des Entwicklers noch in einem frühen Alpha-Stadium mit etwa der Hälfte des für eine stabile Version geplanten Funktionsumfangs, ein Eintrag in den offiziellen App- beziehungsweise Play Stores steht noch aus [16][17].

Betrieben wird Fluxer von der Fluxer Platform AB mit Sitz in Stockholm. In Privacy Policy und Nutzungsbedingungen verpflichtet sich das Unternehmen ausdrücklich, keine Werbung zu schalten oder Werbepartnerschaften einzugehen und Nutzerdaten weder zu verkaufen, zu vermieten, zu lizenzieren noch anderweitig zu monetarisieren [18]. Die Wahl der AGPLv3-Lizenz ist laut Kraft bewusst restriktiver als bei vielen anderen Open-Source-Projekten: Wer eine modifizierte Fluxer-Instanz öffentlich betreibt, muss die eigenen Änderungen offenlegen. Damit soll verhindert werden, dass finanzstärkere Anbieter den Code kopieren, proprietär weiterentwickeln und Nutzer erneut an eine geschlossene Plattform binden [19]. Finanziert wird die Entwicklung über die optionale Plutonium-Mitgliedschaft, Spenden und GitHub Sponsors, ohne Risikokapital [20].

Digitale Souveränität als Ausgangspunkt: Der Erfolg von Fluxer lässt sich nicht ohne den Blick auf Discord selbst verstehen. Gleich mehrere Entwicklungen haben dort in den vergangenen Monaten für Unmut gesorgt.

Altersverifikation per Gesichtsscan und Ausweis

Discord kündigte am 9. Februar 2026 an, künftig weltweit eine verpflichtende Altersverifikation einzuführen. Alle Konten sollten dabei zunächst standardmäßig auf eine jugendgerechte Erfahrung mit eingeschränkten Funktionen umgestellt werden. Wer vollen Zugriff möchte, muss sein Alter per Video-Selfie oder durch das Hochladen eines amtlichen Ausweisdokuments nachweisen [3][4].

Die Kritik war heftig, auch weil Discord bereits im Oktober 2025 einen Sicherheitsvorfall bei einem Drittanbieter für die Altersprüfung eingeräumt hatte, bei dem rund 70.000 Ausweisfotos von Nutzern entwendet wurden. Nach dem Widerstand aus der Community, der teils zur Abwanderung zu Konkurrenzdiensten wie TeamSpeak führte, verschob Discord den weltweiten Rollout auf die zweite Jahreshälfte 2026 und kündigte technische Nachbesserungen an: mehr Transparenz über eingesetzte Verifizierungsanbieter, ausschließlich geräteseitige Verarbeitung von Gesichtsscans sowie zusätzliche, weniger identifizierende Verifizierungsoptionen wie eine Kreditkartenprüfung [5][6]. In Ländern mit bestehender gesetzlicher Pflicht, etwa Großbritannien, Australien und Brasilien, gilt die Verifizierung bereits. Der weltweite, stufenweise Rollout für alle übrigen Nutzer läuft seit Juni 2026 an [7].

Unabhängig von den technischen Zusicherungen zur Löschung der Daten bleibt der grundsätzliche Kritikpunkt: Wer eine Plattform wie Discord nutzen will, muss biometrische Daten oder ein Ausweisdokument gegenüber einem Drittanbieter offenlegen. Anonyme oder pseudonyme Nutzung wird dadurch erschwert.

Anfang Juli 2026 kommt ein politischer Aspekt hinzu: Der US Supreme Court hat am 29. Juni 2026 im Verfahren Trump v. Slaughter die Unabhängigkeit der Federal Trade Commission (FTC) für verfassungswidrig erklärt [8][9]. Die FTC ist die zentrale Aufsichtsbehörde hinter dem EU-US Data Privacy Framework, der Rechtsgrundlage für Datentransfers an US-Unternehmen. noyb sieht dadurch die Grundlage des Abkommens entfallen und fordert dessen Rückzug [9][10]. Formal gilt das Abkommen noch, seine Zukunft gilt aber als unsicher (Stand Anfang Juli 2026, sehr aktuelle Entwicklung, vor Veröffentlichung nochmal prüfen). Wer Discord seine Ausweis- oder Gesichtsdaten übermittelt, tut das damit in einem Rechtsrahmen mit derzeit offenem Ausgang, klar ist aber, dass man solche persönlichen Daten aufgrund der dortigen politischen Lage in keinem Fall in den USA haben möchte.

Nutzungsrechte an Inhalten und KI

Zum 29. September 2025 hat Discord seine Nutzungsbedingungen und Datenschutzerklärung überarbeitet. Nach eigener Darstellung wurde dabei klarer gefasst, dass die Rechte, die Nutzer an ihren Inhalten einräumen, es Discord erlauben, die Dienste allgemein bereitzustellen, zu entwickeln und zu verbessern [11]. Eine explizite, öffentlich bestätigte Aussage von Discord, dass Chatnachrichten konkret zum Training von KI-Modellen verwendet werden, liegt uns nicht vor, man geht allerdings davon aus. Die weit gefasste Formulierung zur Content-Nutzung wird in der Debatte um KI-Training mit Nutzerdaten jedoch häufig als Beispiel für eine Grauzone angeführt, in der sich große Plattformen zunehmend weitreichende Nutzungsrechte einräumen lassen. Dass man US-Firmen zudem aufgrund nicht offengelegter Algorithmen einfach glauben muss, dass sie sich an Datenschutzgesetze halten oder Nutzerdaten nicht für KI-Training nutzen, sollte ebenfalls bedacht werden. Aussagen von Whistleblowerinnen (Frances Haugen, Sarah Wynn-Williams) lassen Zweifel daran offen.

Inhaltsprüfung auf der Plattform

Discord erklärt im Zusammenhang mit seinem Warnsystem offen, dass alle Bereiche der Plattform auf hochschädliche Inhalte wie Malware und Missbrauchsdarstellungen von Kindern geprüft werden, auch das ist meiner Meinung nach nur mit KI-Nutzung durchführbar. In größeren Communitys wird zusätzlich auf weitere Verstöße gegen die Community-Richtlinien geprüft, während private Direktnachrichten, Gruppenchats und kleine Server dafür (angeblich) ausdrücklich nicht vollständig durchsucht werden [12]. Für Terrorinhalte bestätigt Discord in seinem eigenen Transparenzbericht zur EU-Verordnung gegen Terrorinhalte im Internet (TCO-Verordnung 2021/784) ausdrücklich einen sowohl proaktiven als auch reaktiven Ansatz zur Erkennung und Entfernung entsprechender Inhalte, inklusive eines eigenen Kontaktpunkts für Behörden (counterterrorism@discordapp.com) [13]. Discord ist zudem seit Jahren Mitglied im Global Internet Forum to Counter Terrorism (GIFCT), dessen Hash-Datenbank Discord und andere Mitgliedsplattformen zur automatisierten Erkennung bekannter Terror- und Gewaltinhalte nutzen [14][15]. Wie genau die proaktive Erkennung technisch abläuft und ob und in welchem Umfang dabei auch private Chats und nicht nur öffentliche Server einbezogen werden, geht aus den vorliegenden Quellen nicht im Detail hervor.

Fluxer als Alternative: Chancen und Grenzen

Für Communitys, die diese Entwicklungen kritisch sehen, bietet Fluxer einen Ausweg mit klaren Vorteilen: kein Zwang zur Altersverifikation per Gesichtsscan oder Ausweis, volle Transparenz durch offenen Quellcode und die Möglichkeit, die eigene Infrastruktur selbst zu betreiben und damit die volle Kontrolle über die eigenen Daten zu behalten. Wer eigenständig hostet, entscheidet auch selbst, wo die Server stehen, das eingangs beschriebene Risiko einer Datenübermittlung an US-Drittanbieter entfällt in diesem Fall komplett. Die vertragliche Zusage, Nutzerdaten grundsätzlich nicht zu verkaufen oder für Werbung zu nutzen, gilt zudem auch für die offizielle Instanz von Fluxer selbst, unabhängig vom Eigenbetrieb [18].

Gleichzeitig gehört zu einer sachlichen Betrachtung allerdings auch, dass Fluxer noch ein junges Projekt in aktiver Entwicklung ist. Ende-zu-Ende-Verschlüsselung fehlt bislang (was bei MINECRAFT- oder WOW-Chats vielleicht zu vernachlässigen ist), die nativen mobilen Apps sind erst seit Kurzem verfügbar und laut Entwickler noch nicht ausgereift, und die Weiterentwicklung hängt maßgeblich von einem einzelnen Entwickler sowie einem kleinen, aber wachsenden, Team ab. Für kleinere Gruppen, Vereine oder Projekte, denen Selbstbestimmung über die eigene Kommunikationsinfrastruktur wichtiger ist als der letzte Schliff, ist Fluxer schon jetzt eine ernstzunehmende Option.

Quellen

  1. Fluxer (Projektseite): How I built Fluxer, a Discord-like chat app, https://fluxer.app/blog/how-i-built-fluxer-a-discord-like-chat-app
  2. Sinologic: Fluxer, the open source alternative to Discord that respects your privacy, 08.04.2026, https://www.sinologic.net/en/2026-04/fluxer-the-open-source-alternative-to-discord-that-respects-your-privacy.html
  3. Gamestar: Discord-Altersverifizierung ab März 2026 weltweit, 10.02.2026, https://www.gamestar.de/artikel/discord-altersverifizierung-maerz-2026-gesichtsscan-ausweis-pflicht,3447688.html
  4. 4P.de: Discord ab März 2026 Pflicht zur Altersverifikation, 11.02.2026, https://www.4p.de/news/discord-altersverifikation-ab-maerz-2026-verpflichtend/3372379
  5. Notebookcheck: Discord verschiebt weltweite Altersverifikation auf die zweite Hälfte 2026, 25.02.2026, https://www.notebookcheck.com/Discord-verschiebt-weltweite-Altersverifikation-auf-die-zweite-Haelfte-2026.1234259.0.html
  6. Hardwareluxx: Nach Nutzer-Kritik: Discord verschiebt Altersverifikation, 25.02.2026, https://www.hardwareluxx.de/index.php/news/software/anwendungsprogramme/68345-nach-nutzer-kritik-discord-verschiebt-altersverifikation.html
  7. Tuta: Discord wollte weltweit eine Altersverifikation einführen, 28.05.2026, https://tuta.com/de/blog/discord-plans-age-verification-globally
  8. heise online: US-Urteil erschüttert das Fundament des transatlantischen Datentransfers, 30.06.2026, https://www.heise.de/news/Kartenhaus-Wie-ein-US-Urteil-den-transatlantischen-Datenfluss-sprengen-koennte-11349599.html
  9. activeMind.legal: Supreme Court gefährdet EU-U.S. Data Privacy Framework, Stand 02.07.2026, https://www.activemind.legal/de/guides/dpf-supreme-court/
  10. it-daily.net: Datentransfer-Beben: EU-US-Abkommen wackelt durch Urteil, https://www.it-daily.net/shortnews/supreme-us-data-privacy-framework
  11. Discord-Support: Updates zu unseren Nutzungsbedingungen, Stand 29.09.2025, https://support.discord.com/hc/de/articles/4469963531415-Updates-zu-unseren-Nutzungsbedingungen
  12. Discord-Support: Discord Warnsystem, https://support.discord.com/hc/de/articles/18210965981847-Discord-Warnsystem
  13. Discord: EU Terrorist Content Online (TCO) Transparency Report 2026, https://cdn.discordapp.com/assets/transparency-reports/TCO-Report-2026.pdf
  14. Wikipedia: Global Internet Forum to Counter Terrorism, https://de.wikipedia.org/wiki/Global_Internet_Forum_to_Counter_Terrorism
  15. GIFCT: Membership, https://gifct.org/membership/
  16. Fluxer: Mobile clients and Fluxer v2, Stand 15.06.2026, https://fluxer.app/blog/mobile-clients-and-fluxer-v2
  17. GitHub: fluxerapp/flutter_client, https://github.com/fluxerapp/flutter_client
  18. Fluxer: Company Information, Stand 10.03.2026, https://fluxer.app/company-information
  19. Product Hunt: Fluxer, Kommentare von Hampus Kraft, 03.01.2026, https://www.producthunt.com/products/fluxer
  20. Fluxer: Roadmap 2026, https://blog.fluxer.app/roadmap-2026/

Hinweis zur Verlässlichkeit: Die Angabe zur KI-Trainingsnutzung basiert nicht auf einer expliziten Discord-Bestätigung, sondern auf einer Einordnung der Quellenlage. Die Angaben zur Terrorabwehr stützen sich dagegen auf Discords eigenen Transparenzbericht als Primärquelle.

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