
Der zugrunde liegende SOMO-Text ist sehr lang (rund 13 Minuten Lesezeit). Dieser Beitrag ist der Versuch, ihn zusammenzufassen und einzuordnen. Das vollständige Original steht in den Quellen.
Die Europäische Kommission will die Rechenzentrumskapazität in der EU innerhalb von fünf bis sieben Jahren verdreifachen. Als Instrument dafür sind Beschleunigungszonen in allen Mitgliedstaaten vorgesehen, in denen der Bau neuer Anlagen im Eiltempo durchgezogen wird und Prüfungen wie Umweltverträglichkeit, Flächengenehmigung und Bürgerbeteiligung umgangen werden sollen. Verkauft wird das unter dem Label digitaler Souveränität. Eine Analyse der niederländischen Rechercheorganisation SOMO (Centre for Research on Multinational Corporations) kommt zu einem anderen Schluss: Profitieren würden vor allem US-Konzerne, deren Fondsgesellschaften und Private-Equity-Investoren. SOMO befasst sich seit Jahren mit der Macht multinationaler Konzerne, und die Analyse stützt sich auf Kommissionsdokumente und Unternehmensangaben.
Das Tech-Souveränitäts-Paket und der Cloud and AI Development Act
Im Juni 2026 stellte die Kommission ihr European Tech Sovereignty Package vor, ein Bündel aus Vorschlägen und Leitlinien, das die digitale Autonomie der EU stärken soll. Erklärtes Ziel ist ein AI Continent, also Europa als globaler Vorreiter bei künstlicher Intelligenz. Kernstück ist laut SOMO der Cloud and AI Development Act (CADA). Unter diesem Rechtsakt soll die Rechenzentrumskapazität verdreifacht werden, umgesetzt über Beschleunigungszonen, in denen reguläre Genehmigungsschritte entfallen.
Die Begründung der Kommission lautet, Europa drohe ein Kapazitätsmangel, gerade weil man KI schneller entwickeln und einsetzen wolle. Genau diese Annahme ist umstritten.
Zweifel am behaupteten Kapazitätsmangel
SOMO verweist auf Untersuchungen des niederländischen Thinktanks Leitmotiv. Danach nutzen Rechenzentren in den Niederlanden nur rund ein Drittel der Netzkapazität, die sie sich reserviert haben. Die Forschenden erwarten eine ähnliche Unterauslastung in anderen EU-Ländern. Ein akuter Engpass lässt sich daraus nicht ohne Weiteres ableiten.
Erschwert wird die Einschätzung durch einen bewusst intransparenten Markt. SOMO zitiert Recherchen von Investigate Europe, wonach Microsoft erfolgreich dafür lobbyierte, zentrale Rechenzentrumsdaten als vertraulich einzustufen. Berichten zufolge verschleiern Konzerne wie Meta beim Bau und Betrieb ihre Identität.
Big Tech als Eigentümer und größter Kunde zugleich
Ein großer Teil der europäischen Kapazität liegt bereits in Händen von US-Konzernen. Die Kommission räumt in ihrer Folgenabschätzung selbst ein, dass der Ausbau in der EU wegen Größen- und Finanzierungsvorteilen von nichteuropäischen Cloud-Anbietern getrieben wird.
Der naheliegende Ausweg, Amazon, Google, Meta und Microsoft schlicht vom Besitz in den Beschleunigungszonen auszuschließen, greift laut SOMO zu kurz. Diese Konzerne sind nicht nur Eigentümer, sondern zugleich die größten Mieter bei den sogenannten Colocation-Anbietern, also Firmen, die Rechenzentren bauen und Kapazität an Dritte vermieten. Selbst dort, wo Big Tech nicht Eigentümer ist, kann ein erheblicher Teil der Kapazität am Ende von genau diesen Konzernen genutzt werden.
Die Kommission hält in ihrer Folgenabschätzung fest, dass Betreiber neuer Colocation-Anlagen ihre Kapazität oft an Big Tech vermieten, um schneller Rendite zu erzielen. Eine von SOMO zitierte McKinsey-Prognose geht davon aus, dass bis 2028 rund 65 Prozent der europäischen Rechenzentrumsnachfrage auf Big Tech entfallen. Colocation-Betreiber, die mit Big Tech zusammenarbeiten, könnten laut Kommissionsdokumenten zwischen 8 und 27 Milliarden Euro aus dem Ausbau ziehen.
Fünf Colocation-Konzerne, überwiegend US-finanziert
SOMO hat auf Basis von Daten des Marktforschers Arizton die Unternehmen mit den meisten geplanten Projekten in Europa ausgewertet. Betrachtet wurden fünf Colocation-Anbieter mit jeweils mindestens fünf anstehenden Projekten. Drei davon sitzen in den USA: Digital Realty, CyrusOne und Equinix. Die beiden europäischen Firmen, die spanische Merlin Properties und die französische DATA4, sind eng mit US-Kapital verflochten.
BlackRock zählt laut SOMO bei drei der fünf Unternehmen zu den größten Anteilseignern (Digital Realty, Equinix, Merlin Properties). DATA4, oft als französischer Champion präsentiert, gehört vollständig zu Brookfield Infrastructure, einem in Bermuda registrierten Unternehmen. Brookfield hält formal 19 Prozent an DATA4, kontrolliert aber sämtliche Stimmrechte. CyrusOne wird über KKR und BlackRock gesteuert.
Bei den Zahlen ist eine Einschränkung wichtig: Equinix widersprach gegenüber SOMO einigen Angaben, unter anderem zur Zahl der EU-Projekte (nach eigener Auskunft zwölf statt sechs) und zu den Anteilen von Vanguard und BlackRock, nannte dazu jedoch keine konkreten Gegenzahlen. SOMO stützt seine Werte auf LSEG-Daten (Stand April 2026).
Leerstand trotz Knappheitsrhetorik
Das Beispiel Digital Realty verdeutlicht den Widerspruch. Der Konzern betreibt laut SOMO 310 Rechenzentren, davon 113 in Europa, und gehört zu über drei Vierteln US-Investoren, allen voran Vanguard, BlackRock und Cohen & Steers. Trotz aller Warnungen vor Knappheit liegt die durchschnittliche Auslastung der EU-Anlagen bei 69 Prozent, einzelne Standorte kommen auf 6,1 Prozent. Das Muster fasst SOMO so zusammen: unterausgelastete Infrastruktur in Europa, finanziert überwiegend aus den USA, abhängig von der Nachfrage US-amerikanischer Tech-Konzerne.
Bemerkenswert ist eine politische Randnotiz. Ein leitender Technikverantwortlicher von Digital Realty, zugleich Vorsitzender der European Data Centre Association, erklärte im Juni 2026, das Verdreifachungsziel sei mit Erneuerbaren oder Kernkraft nicht zu erreichen, und plädierte dafür, KI vor der Klimatransformation zu priorisieren und Rechenzentren notfalls mit fossilen Energien zu versorgen.
Widerstand gegen Reservierungspflichten für europäische Kunden
Wie wenig der Souveränitätsanspruch mit den Geschäftsmodellen zusammenpasst, zeigt ein Vorgang in den Niederlanden. Kommunen baten Equinix und andere Betreiber, bei neuen Baugenehmigungen einen Teil der Serverfläche für niederländische und europäische Unternehmen sowie Behörden zu reservieren. Equinix lehnte ab. Sinngemäß erklärte die Landesdirektion, man ändere sein Geschäftsmodell nicht, so funktioniere die IT-Welt nicht.
Souveränität als Fassade
SOMO zieht daraus den Schluss, die Beschleunigungszonen drohten Europas Abhängigkeit von Big Tech eher zu zementieren als zu verringern. Mehr Rechenzentren auf EU-Boden bedeuteten nicht automatisch mehr demokratische Kontrolle, öffentliche Rechenschaft oder geringere Abhängigkeit. Hinzu kommt die Sorge um Stromnetze, Flächen und Wasser. Die Kommission selbst nennt höhere Strompreise für Bürgerinnen und Bürger als möglichen Effekt. Und in der Vorabkonsultation lehnte die große Mehrheit der befragten Behörden, NGOs und Bürger die Beschleunigungszonen ab.
Als Alternativen fordert SOMO unter anderem ein Moratorium für Rechenzentren, die Big Tech gehören oder primär für Big Tech gebaut werden, verbindliche Kapazitätsanteile für europäische und öffentliche Nutzer sowie strikte Transparenzpflichten zu Eigentum, Finanzierung, Kunden, Energieverbrauch und tatsächlicher Auslastung.
Zur Einordnung: SOMO hat Digital Realty, CyrusOne, Merlin Properties, Equinix, DATA4 und die Kommission um Stellungnahme zu einem Entwurf der Ergebnisse gebeten. Geantwortet haben nur Equinix und die Kommission.
Konsequenzen für europäische Unternehmen
Der folgende Abschnitt ist eine Einordnung aus Beratungssicht, keine Aussage aus dem SOMO-Bericht.
Für kleine und mittlere Unternehmen ist die eigentliche Lehre unabhängig davon, ob man SOMOs politische Bewertung teilt: Der Standort einer Anlage entscheidet nicht über die Kontrolle. Wer Daten und Prozesse bei einem US-Hyperscaler ablegt, dessen Kapazität in einer Anlage in Frankfurt oder Madrid liegt, ist rechtlich und wirtschaftlich weiterhin von einem US-Konzern abhängig, samt möglicher Zugriffe nach US-Recht.
Digitale Souveränität entsteht auf der Ebene, die Betriebe selbst steuern können: bei der Wahl von Anbietern, Software und Betriebsmodell. Europäische Hoster wie IONOS, OVHcloud oder Scaleway sind reale Optionen für Server und Speicher. Offene Software (etwa Nextcloud statt eines proprietären Cloud-Dienstes, Matrix oder Mattermost als Kommunikationsplattform, statt zentraler Plattformen) reduziert die Bindung an einzelne Konzerne. Für sensible Daten bleibt Self-Hosting eine Möglichkeit, wenn die Ressourcen dafür vorhanden sind. Keine dieser Optionen ist zum Nulltarif zu haben, aber sie verlagern die Kontrolle dorthin, wo Souveränität real wird.
Der Ausbau, den Brüssel plant, ändert an dieser individuellen Entscheidung nichts. Er verschiebt sie nur auf eine größere Bühne.
Quellen
- SOMO, „EU’s data centre expansion will fast-track profits and power for US Big Tech and investors”, 15.07.2026: https://www.somo.nl/eus-data-centre-expansion-will-fast-track-profits-and-power-for-us-big-tech-and-investors/
- SOMO, Stellungnahmen von Equinix und Europäischer Kommission (PDF): https://www.somo.nl/wp-content/uploads/2026/07/EUs-data-centre-expansion-will-fast-track-profits-and-power-for-US-Big-Tech-and-investors-replies.pdf
- Europäische Kommission, European Tech Sovereignty Package: https://digital-strategy.ec.europa.eu/en/library/communication-european-tech-sovereignty-accompanied-eu-open-source-strategy
- Europäische Kommission, Cloud and AI Development Act (CADA): https://digital-strategy.ec.europa.eu/en/policies/cloud-and-ai-development-act
- Leitmotiv, Untersuchung zur Auslastung niederländischer Rechenzentren: https://leitmotiv.digital/publications/four-key-conclusions-data-center-environmental-transparency-neth
- Investigate Europe, Recherche zu Intransparenz bei Rechenzentren: https://www.investigate-europe.eu/posts/big-tech-data-centres-secrecy-eu-law-environment-footprint
- McKinsey, „The role of power in unlocking the European AI revolution”: https://www.mckinsey.com/industries/electric-power-and-natural-gas/our-insights/the-role-of-power-in-unlocking-the-european-ai-revolution
