
Es gibt Themen, die jahrelang in der Nische bleiben, bis die Realität sie auf die Tagesordnung zwingt. Digitale Souveränität ist solch ein Thema. Noch vor wenigen Jahren galt sie als Anliegen von Datenschutz-Enthusiasten und IT-Idealisten. Inzwischen beschäftigt das Thema Landesregierungen, internationale Gerichte und zunehmend auch Privatpersonen und kleine wie mittlere Unternehmen, die sich fragen, wie abhängig sie eigentlich von Software sind, über die sie keine Kontrolle haben.
Die Anlässe sind zahlreich. Konkret ist beispielsweise: Im Jahr 2025 haben die USA den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag sanktioniert, nachdem Haftbefehle gegen israelische Regierungsmitglieder ausgestellt worden waren. Die Folgen für die betroffenen Richter°Innen und den Chefankläger waren weitreichend: Microsoft sperrte E-Mail-Konten, Visa und Mastercard deaktivierten Kreditkarten, PayPal, Amazon, Booking.com und Airbnb verweigerten den Zugang zu ihren Diensten. Allen 900 Mitarbeitenden des Gerichtshofs wurde die Einreise in die USA untersagt. Ein französischer IStGH-Richter berichtete gegenüber Le Monde, dass er keinerlei Dienste von US-Unternehmen mehr nutzen könne. Die Sanktionen haben auf einen Schlag sichtbar gemacht, wie tief die Abhängigkeit von US-Diensten in den Alltag reicht und wie schnell sie zum Hebel wird.
Grundlagen aus dem US-Recht
Die rechtliche Grundlage dafür ist der CLOUD Act, ein US-Gesetz, das amerikanische Unternehmen verpflichtet, auf Anforderung der US-Regierung Daten herauszugeben oder Zugänge zu sperren, unabhängig davon, wo auf der Welt die Server stehen. Das ist keine Verschwörungstheorie, sondern geltendes US-Recht. Im Juni 2025 bestätigte der Chefjustiziar von Microsoft France unter Eid vor dem französischen Senat, dass Microsoft nicht garantieren könne, europäische Nutzerdaten vor dem Zugriff durch US-Behörden zu schützen, auch nicht bei Speicherung in europäischen Rechenzentren.
Was für einen internationalen Gerichtshof gilt, gilt auch für jede Privatperson und jedes Unternehmen, das Microsoft 365, Google Workspace oder Amazon Web Services nutzt. Es gibt keinen technischen oder juristischen Mechanismus, der europäische Daten bei US-Anbietern zuverlässig vor dem Zugriff durch amerikanische Behörden schützt. DSGVO und andere EU-Gesetze sagen das eine, der CLOUD Act das andere, und im Zweifel gewinnt das Gesetz, dem der Anbieter direkt und aufgrund seines Firmensitzes unterliegt. Aber das Risiko geht noch weiter: Bei einer ernsthaften Verschärfung der transatlantischen Spannungen könnten Betriebssysteme wie Windows, Android, iOS oder macOS durch ihre Hersteller deaktiviert oder in ihrer Funktion eingeschränkt werden. Das klingt drastisch, aber es ist technisch jederzeit möglich. Alle diese Systeme sind auf permanente Verbindung zu den Servern ihrer Hersteller angewiesen, sei es für Lizenzprüfungen, Updates oder grundlegende Dienste – es könnten aber auch einfach beispielsweise Windows-Lizenzen abgeschaltet werden. Das ist keine grauen Theorie, sondern in Russland nach dem Überfall auf die Ukraine konkret geschehen. Wer ein Betriebssystem nutzt, das von einem US-Konzern kontrolliert wird, nutzt im Grunde ein System auf Widerruf.
Die Kostenrechnung kippt
Neben dem Vertrauensproblem gibt es ein finanzielles. Microsoft hat zum 1. Juli 2026 teils erhebliche Preiserhöhungen für Microsoft 365 angekündigt. Je nach Lizenzmodell steigen die Kosten zwischen 5 und 25 Prozent. Microsoft 365 Business Basic verteuert sich um rund 17 Prozent, Business Standard um etwa 12 Prozent. Für ein Unternehmen mit 20 Arbeitsplätzen, das den verbreiteten Business-Standard-Tarif nutzt, bedeutet das derzeit rund 2.600 Euro Lizenzkosten pro Jahr, allein für die Office-Anwendungen. Hinzu kommen typischerweise Kosten für Backup, Archivierung und Administration, die den Gesamtaufwand realistisch um 30 bis 50 Prozent nach oben treiben. Aber auch Privatpersonen zahlen: Ein Microsoft-365-Single-Abo kostet rund 70 Euro im Jahr, das Family-Abo rund 100 Euro. Dazu kommen die Kosten für Windows-Lizenzen beim Rechnerkauf, die im Kaufpreis versteckt, aber trotzdem vorhanden sind.
Wer diese Kosten einmal zusammenrechnet und dagegenstellt, was die Alternativen kosten (nämlich in vielen Fällen gar nichts an Lizenzgebühren), kommt auf eine interessante Rechnung. Schleswig-Holstein hat es vorgemacht: Das Bundesland hat seine gesamte Landesverwaltung auf Open-Source-Software umgestellt, 80 Prozent der Arbeitsplätze laufen bereits mit LibreOffice statt Microsoft Office, und das Mailsystem wurde auf Open-Xchange und Thunderbird migriert. Die Einsparung: 15 Millionen Euro Lizenzkosten pro Jahr. Dem standen 2026 einmalige Investitionen von neun Millionen Euro für Migration und Weiterentwicklung gegenüber. Das hat sich in weniger als einem Jahr amortisiert.
Was ein ganzes Bundesland mit 60.000 Beschäftigten schafft, ist auch für Privatpersonen oder ein Unternehmen mit fünf oder fünfzig Mitarbeitenden möglich, in der Regel sogar deutlich einfacher, weil die Strukturen überschaubarer und weniger eingefahren und monolithisch sind, als in einer Landesbehörde.
Was heute schon existiert
Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass es keine ernstzunehmenden Alternativen zu den Produkten von Microsoft, Google und Apple gäbe. Die gibt es, und sie sind ausgereift.
Statt Windows gibt es Linux-Distributionen wie Ubuntu, Fedora oder Linux Mint, die sich auf dem Desktop für den Büroalltag eignen und anders als Windows keine Telemetrie an den Hersteller senden. Statt Microsoft 365 gibt es LibreOffice als kostenlose Desktop-Suite, die alle gängigen Dateiformate unterstützt. Für kollaboratives Arbeiten in der Cloud gibt es Nextcloud mit integrierter Office-Bearbeitung, wahlweise mit Collabora, OnlyOffice oder dem frisch vorgestellten Euro-Office. Euro-Office ist ein Open Source-Projekt von IONOS, Nextcloud und weiteren europäischen Partnern, das im Sommer 2026 in einer ersten stabilen Version erscheinen soll und als vollständig europäisch entwickelte Office-Suite positioniert ist. IONOS betreibt dabei die Server in deutschen Rechenzentren, DSGVO-konform und ohne CLOUD-Act-Problematik.
Statt Google Workspace bietet Nextcloud ein vollständiges Paket aus Dateiablage, Kalender, Mail, Chat und Videokonferenzen, auch Nextcloud ist Open Source Software. Statt Outlook und Exchange lassen sich Thunderbird und Open-Xchange oder andere europäische Mailhoster einsetzen. Eine umfangreiche Übersicht europäischer Alternativen zu US-Produkten findet sich unter european-alternatives.eu.
Kein Umstieg über Nacht
Der häufigste Einwand gegen einen Wechsel ist die Angst vor dem großen Bruch: Alles muss von heute auf morgen anders werden, und nichts funktioniert mehr. Das ist verständlich, aber es entspricht nicht dem, wie ein solcher Übergang tatsächlich abläuft.
Ein Umstieg lässt sich graduell vollziehen. Der erste und einfachste Schritt ist oft das Mailsystem: Von einem US-Provider auf einen europäischen Anbieter zu wechseln, ist technisch unkompliziert und hat unmittelbaren Effekt auf den Datenschutz. Der zweite Schritt kann die Office-Anwendungen betreffen: LibreOffice lässt sich parallel zu Microsoft Office installieren und testen, ohne dass irgend etwas deinstalliert werden müsste. Der Wechsel des Betriebssystems auf Linux ist der letzte und größte Schritt, aber auch der lässt sich vorbereiten, indem man auf einem Zweitgerät oder in einer virtuellen Maschine ausprobiert, ob die benötigten Arbeitsabläufe funktionieren. Das gilt für Privatanwender und kleine Firmen, bei umfangreicheren Infrastrukturen ist der Umstieg weniger trivial, aber Schleswig Holstein hat gezeigt, dass sogar Behörden dazu in der Lage sind – und wenn die das schaffen können, dann schafft es mit ein wenig gutem Willen auch eine mittelständische Firma.
Ich erlebe in meiner Praxis als IT-Dienstleister regelmäßig, dass die Hemmschwelle größer ist als die tatsächliche Herausforderung. Die meisten Menschen nutzen von ihrem Office-Paket ohnehin nur einen Bruchteil der Funktionen, und für diesen Bruchteil funktioniert LibreOffice genauso gut. Wer E-Mails schreibt, Tabellen pflegt, Texte verfasst und gelegentlich eine Präsentation erstellt, wird den Unterschied nach einer kurzen Eingewöhnung kaum noch bemerken.
Persönliche Erfahrung
Ich arbeite selbst im Moment meistens unter Windows, und das aus Gründen, die viele kennen werden: Firmeninfrastrukturen sind so stark von Windows durchsetzt, dass man für effektives Arbeiten und Serververbindungen oft nicht darauf verzichten kann. Und für bestimmte Software wie Adobe-Produkte oder Cinema 4D gibt es schlicht keine brauchbaren Alternativen unter Linux. Das ist ehrlich, und genau diese Ehrlichkeit gehört zum Thema dazu. Digitale Souveränität ist kein Alles-oder-nichts-Zustand, sondern ein Prozess, bei dem man dort ansetzt, wo es geht. Wo immer möglich, nutze ich Open-Source-Software, betreibe meine Server in Europa und setze auf europäische Dienste. Das Thema digitale Souveränität beschäftigt mich auch auf meiner Schwesterseite imagcon.de, wo ich regelmäßig über die Abhängigkeit von US-Big-Tech berichte.
Die Erfahrung aus diesen Jahren fließt direkt in meine Arbeit als IT-Dienstleister ein. Ich berate Privatpersonen und Unternehmen im Bergischen Land und darüber hinaus beim Umstieg auf europäische und quelloffene Alternativen. Das beginnt mit einer Bestandsaufnahme der bestehenden IT-Landschaft, geht über die Planung einer schrittweisen Migration bis hin zur technischen Umsetzung und Datenmigration.
Wenn Sie sich fragen, ob ein Umstieg für Ihre Situation sinnvoll und machbar wäre, lassen Sie uns darüber sprechen. Eine erste Einschätzung kostet nichts außer einem Telefonat oder einer Mail an kontakt@remscheid-it.de.
Quellen
- Schleswig-Holstein: Pressemitteilung der Landesregierung zur LibreOffice-Umstellung, 4. Dezember 2025 https://www.schleswig-holstein.de/DE/landesregierung/ministerien-behoerden/I/Presse/PI/2025/cds/251204_cds_open-source
- Heise Online: Schleswig-Holstein: Open Source ist praxistauglich trotz Umstellungsproblemen, 6. Januar 2026 https://www.heise.de/news/Schleswig-Holstein-Open-Source-ist-praxistauglich-trotz-Umstellungsproblemen-11131005.html
- Microsoft-Anhörung im französischen Senat: Chefjustiziar Anton Carniaux räumt ein, europäische Daten nicht vor US-Zugriff schützen zu können, 10. Juni 2025, berichtet bei dr-datenschutz.de, 24. Juli 2025 https://www.dr-datenschutz.de/microsoft-kann-us-zugriff-auf-eu-cloud-nicht-verhindern/
- it-daily.net: Microsoft: EU-Daten vor US-Zugriff nicht geschützt, 21. Juli 2025 https://www.it-daily.net/shortnews/microsoft-eu-daten-us-zugriff
- Microsoft-Kontensperrung beim IStGH, dokumentiert bei borncity.com, 19. Mai 2025 https://borncity.com/blog/2025/05/19/digitale-souveraenitaet-microsoft-sperrt-zugriffe-auf-e-mail-cloud-willkuerlich-richter-chinesische-einrichtung/
- Umfassende Dokumentation der IStGH-Sanktionsfolgen (Kreditkarten, Amazon, Booking, Airbnb) und europäischer Cloud-Exit-Strategien, ing-ism.de, 18. Januar 2026 https://www.ing-ism.de/magazin/notfall-exit-us-cloud/
- Microsoft 365 Preiserhöhung ab Juli 2026, Telekom Geschäftskunden, 13. März 2026 https://geschaeftskunden.telekom.de/business/blog/microsoft-365-preisaenderung
- KIEL-IT: Microsoft 365 Preiserhöhung 2026, 11. Dezember 2025 https://kiel-it.de/microsoft-365-preiserhoehung-2026/
- Heise Online: Nextcloud und Ionos entwickeln quelloffenes Euro-Office, 27. März 2026 https://www.heise.de/news/Microsoft-Alternative-Nextcloud-und-Ionos-entwickeln-quelloffenes-Euro-Office-11227544.html
- Nextcloud Blog: Euro-Office Building Momentum, 16. April 2026 https://nextcloud.com/blog/euro-office-building-momentum/
- Europäische Alternativen zu US-Produkten https://european-alternatives.eu/de
