
Wer Inhalte ausschließlich über Instagram, Facebook oder X verbreitet, ist abhängig. Algorithmus-Änderungen, politischer Druck und die wachsende Abhängigkeit von US-Tech-Konzernen haben in den letzten Jahren mehr als ein Medienhaus in ernsthafte Schwierigkeiten gebracht — manche sogar die Existenz gekostet (Stichwort: “pivot to video”, mit dem Meta ganze Redaktionen ausgelöscht hat). Die logische Konsequenz wäre Diversifizierung. Und trotzdem wird das Fediverse dabei erstaunlich selten in Betracht gezogen.
Das dezentrale Netzwerk auf Basis des offenen ActivityPub-Protokolls, mit Diensten wie Mastodon, Peertube oder Pixelfed, ist kein Twitter-Ersatz und kein Instagram-Klon. Es funktioniert anders: Wer einem Account folgt, bekommt dessen Inhalte ohne Algorithmus dazwischen angezeigt. Links auf externe Websites funktionieren problemlos, während die großen Plattformen das zunehmend für unerwünscht halten und Beiträge mit externen Links unsichtbar machen. Die Beziehung zu Followern gehört im Fediverse dem Absender, nicht der Plattform.
Kleine Reichweite, aber das richtige Publikum
Die Nutzerzahlen sind überschaubar: Das gesamte Fediverse kommt laut fediverseobserver weltweit auf knapp über 1.1 Millionen aktive Nutzer (bei knapp unter 15 Millionen Konten, die aber eben nicht alle aktiv genutzt werden). Mastodon, Peertube und Pixelfed zusammen erreichen etwa ein Zwanzigstel der Nutzerzahlen, die Instagram allein in Deutschland zählt. Für reine Reichweitenstrategie taugt das Fediverse also nicht. Aber dafür ist es auch nicht gedacht, hier gelten andere Werte, als gefühlte Reichweite, oder Nutzerzahlen, die einem die Plattformnetzwerke vorspiegeln.
Wer aber auf Leserbindung und direkten Kontakt setzt, findet dort eine überdurchschnittlich technikaffine, gebildete Zielgruppe, die dem klassischen Journalismus grundsätzlich wohlgesonnen gegenübersteht, und die laut Erfahrungsberichten aus dem Reinvent Social Platforms Fellowship von SWR X Lab und Media Lab Bayern tatsächlich liest, diskutiert und kauft. Themen wie IT-Erklärungen, Mediendiskurse, Bildungsdebatten sowie Transparenz und Nachhaltigkeit funktionieren dort besonders gut. Für Inhalte, die auf Instagram kaum Resonanz erzeugen, kann Mastodon also eine sinnvolle Chance sein.
Nicht nur für Medien
Das eigentliche Argument trifft jeden, der digitale Sichtbarkeit auf Plattformen aufbaut, die er nicht kontrolliert. Freelancer und Agenturen, die auf LinkedIn oder Instagram Reichweite aufbauen, sind Mieter auf fremdem Grund. Die Plattform entscheidet, wer den nächsten Beitrag sieht, und ändert diese Regeln regelmäßig ohne Ankündigung.
Vereine und lokale Initiativen haben auf den großen Plattformen strukturell schlechte Karten: kein Werbebudget, keine Markenbekanntheit. Im Fediverse zählt Inhalt mehr als Reichweite. Wer sich ernsthaft für Regionalkultur, Sprache oder Technik interessiert, ist dort eher zu finden als im algorithmischen Strom der Massenplattformen.
Behörden und Kommunen stehen zusätzlich vor einem datenschutzrechtlichen Problem: Die Nutzung von Meta-Diensten in öffentlichen Kontexten ist seit Jahren ein Graubereich. Eine selbst betriebene Mastodon-Instanz wäre die sauberere Lösung, mit voller Kontrolle über Daten und Infrastruktur.
Jetzt einsteigen, solange das Feld offen ist
Das geringe Contentvolumen im Fediverse ist gerade ein Vorteil: Wer heute mit passendem Material einsteigt, fällt auf. Der Einstieg muss kein großer Aufwand sein. Wichtiger als ein spezieller Fediverse-Stil ist der echte Austausch mit der Community, transparent und konstruktiv im Umgang mit Kritik.
Als Ergänzung zur bestehenden Social-Media-Strategie reduziert das Fediverse Plattformabhängigkeit strukturell: mehr Resilienz, direkterer Kontakt, und die Kontrolle über die eigene Kommunikation gehört wieder dem, der sie führt.
Man darf sich nur nicht von vermeintlich fehlender Reichweite ins Bockshorn jagen lassen: Das Fediverse funktioniert völlig anders, als die Social Media Plattformen der großen Anbieter. Und auch die üblichen Strategien von den alten Plattformen ziehen hier nicht, hier geht es um Authentizität und echten Austausch; die Erkenntnisse von den bisherigen Sozialen Medien lassen sich hier nicht anwenden, oder führen sogar im Gegenteil zu negativen Reaktionen. Wer allerdings den Nutzer°Innen dort mit Respekt begegnet, erhält diesen auch zurück und kann sich eine positive Reputation erarbeiten.
Sollte Beratungsbedarf bestehen: Wir können helfen!
Quelle:
Reinvent Social Platforms Fellowship, SWR X Lab / Media Lab Bayern: https://fediverse101.mystrikingly.com/
Headerbild: Kiwi, die joinfediverse.wiki-Eule von David Revoy, CC-BY
